Abgastests

WLTP-Tests überfordern Volkswagen – für einige Modelle fehlt die Zulassung

Ab dem 1. September gilt der neue Zulassungstest. Doch wegen der Dieselaffäre haben sich die Volkswagen-Ingenieure zu spät darauf eingestellt – im Gegensatz zur Konkurrenz.

WolfsburgAn der Lkw-Zufahrt zum Volkswagen-Werk herrscht gespenstische Ruhe. Wo sonst Dutzende Lastwagen auf die Einfahrt ins Werksgelände warten, stehen gerade einmal drei Lkw. Freitags und manchmal auch montags ruht die Produktion in Wolfsburg, der Konzern hat seinen Werkern bis zum Herbst Schließtage verordnet.

Verantwortlich dafür sind die Probleme mit den neuen Zulassungs- und Verbrauchstests nach WLTP-Standard. Vom kommenden Samstag an dürfen in der EU nur noch Autos verkauft werden, die die aufwendigeren und realitätsnäheren WLTP-Tests durchlaufen haben.

Doch im Unterschied zu den meisten anderen Herstellern hinkt VW bei der WLTP-Zulassung gewaltig hinterher. Modelle ohne neue Zulassungspapiere können aber nicht produziert werden. Deshalb die Schließtage in Wolfsburg. Auch das Polo-Werk im spanischen Navarra macht im September für acht Tage zu.

Erst bei sieben von 14 VW-Modellen gibt es gültige WLTP-Papiere. Dann aber auch nicht für jede Modellvariante, sondern nur für Fahrzeuge mit bestimmten Ausstattungen. Ein Teil der Modelle von Passat, Touareg und T-Roc kann dadurch immerhin nach dem 1. September verkauft werden. Doch ausgerechnet die wichtigsten Modelle fehlen: Für Golf und Tiguan gibt es bislang keine einzige WLTP-Zulassung.

Volkswagen versucht, seinen Kunden Hoffnung zu machen. Beim Golf und beim Tiguan sei „in den nächsten Tagen und Wochen“ mit der Zulassung zu rechnen, sagte am Donnerstag Thomas Zahn, VW-Vertriebschef für Deutschland. Wie dazu ergänzend aus Konzernkreisen verlautete, könnten bis Ende September etwa 70 Prozent aller VW-Modelle die neue Zulassung haben.

Kunden müssen sich darauf einstellen, dass sie nicht zu 100 Prozent das Auto bekommen werden, dass sie eigentlich bestellt hatten. „Aufgrund der Umstellung auf das neue Zulassungsverfahren nach WLTP kann das von Ihnen gewählte Modell bei Auslieferung nach Modelljahreswechsel hinsichtlich technischer Eigenschaften und Ausstattungen abweichen“, werden VW-Kunden bei einer Online-Konfiguration gewarnt.

Bei anderen Autoherstellern gibt es mit dem WLTP-Verfahren bei weitem nicht so viele Probleme wie bei Volkswagen. Am Donnerstag meldete sich Opel: Rechtzeitig zum WLTP-Start seien alle Modelle verfügbar. Dasselbe gelte für die Opel-Mutter PSA. Alle Modelle der Konzernmarken Peugeot, Citroën und DS hätten den neuen Zulassungstest schon hinter sich.

Ablesbar sind die VW-Probleme auch beim ADAC. Deutschlands größter Automobilklub führt eine Liste mit den Modellen, die den Zulassungsbedingungen nach „Euro 6d temp“ entsprechen und die zum Teil auch schon am 1. September erfüllt werden müssen. Modelle von Mercedes und BMW stehen zu Hunderten auf dieser Liste, die Marke VW bringt es gerade einmal auf neun Autos.

Volkswagen macht in erster Linie die Dieselaffäre dafür verantwortlich, dass der Konzern bei den WLTP-Zulassungen hinterherhinkt. Die hauseigenen Entwicklungsingenieure waren seit Herbst 2015 vor allem damit beschäftigt, selbst bereitete Probleme zu beseitigen: Sie mussten die Dieselmanipulationen aus dem Weg schaffen – vor allem mit neuen Software-Updates für die betroffenen Fahrzeuge. Danach fehlten die Zeit und das Personal, um sich auch noch um die WLTP-Standards zu kümmern.

Im schlimmsten Fall geht der operative Ertrag bei VW wegen der WLTP-Probleme um eine Milliarde Euro zurück. Der Konzern hofft darauf, glimpflicher davonzukommen. Auch in Finanzkreisen wird diese Erwartung geteilt.

„Die ganze Sache ist händelbar“, sagt Arndt Ellinghorst, Automobilanalyst bei Evercore ISI. VW setzt darauf, dass im vierten Quartal alles besser wird. Die Produktionsausfälle aus den Monaten August und September sollen durch Zusatzschichten hereingeholt werden.

„Wir werden das künftig alles besser machen“, verspricht Vertriebschef Thomas Zahn. 2019 wird sich zeigen, ob Volkswagen dieses Versprechen halten kann. Mit den neuen Straßentests nach RDE-Standard steht dann die nächste Verschärfung der Zulassungsbedingungen an.