Analyse

Es droht der Abschwung – Die Prognosen der Wirtschaftsinstitute sind Schönfärberei

Die Industrieaufträge sind zwar stark eingebrochen, die Konjunkturprognosen sinken. Dennoch verbreiten Wirtschaftsforschungsinstitute gefährlichen Zweckoptimismus.

Internationale Handelskonflikte hinterlassen Spuren in der deutschen Wirtschaft.

Quelle: Reuters

Berlin Die Industrie verzeichnet den größten Auftragseinbruch seit 2017 und passend dazu prognostizieren die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute in ihrem Gemeinschaftsgutachten zu Konjunktur und Wirtschaftspolitik, dass der deutsche Wirtschaftsboom vorbei ist. „Der langjährige Aufschwung der deutschen Wirtschaft ist zu Ende“, fasst Oliver Holtemöller vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) das Ergebnis zusammen.

Wenn es nach der gemeinschaftlichen Prognose geht, die zweimal jährlich im Auftrag der Bundesregierung erarbeitet wird, folgt dem Aufschwung allerdings nur eine kurze Verschnaufpause in diesem Jahr mit einem Wachstum von 0,8 Prozent, bevor es nächstes Jahr wieder auf sehr respektable 1,8 Prozent anzieht.

Die Prognose bestätigt wieder einmal die alte Erkenntnis, dass Wendepunkte der Konjunktur von den Prognostikern immer erst hinterher erkannt werden. Die Institute haben ihre Wachstumsprognose für dieses Jahr um mehr als einen vollen Prozentpunkt gegenüber der Herbstprognose zusammenstreichen müssen. Da hatten sie noch 1,9 Prozent Wachstum prognostiziert. Den fünf Wirtschaftsweisen, die vor kurzem ihre Zwischengutachten vorgelegt haben, ist es nicht besser gegangen.

Typisch ist auch, dass der Übergang in den Abschwung noch möglichst lange schöngeredet wird. Die Wirtschaftsforscher sehen sich in der Verantwortung, den Abschwung nicht herbeizureden oder zu verschärfen, indem man die Stimmung der Investoren und Verbraucher durch düstere Prognosen noch verschlechtert.

„Die Gefahr einer ausgeprägten Rezession halten wir bislang für gering“, versucht Holtemöller zu beruhigen. Dass die Zuversicht weniger stark ist als sie scheinen soll, deutet das „bislang“ an und das „ausgeprägt“, das er der „Rezession“ hinzufügen muss, um sie unwahrscheinlich zu nennen.

Seltsam widersprüchlich mutet auch an, dass der Überschuss im Staatshaushalt in diesem Jahr mit 42 Milliarden Euro nach 58 Milliarden im Vorjahr nochmal sehr hoch sein soll, die Institute aber gleichzeitig die Regierung mahnen, sie soll nicht „wegen Schwarzer Null der Konjunktur hinterhersparen“.

Das Wort „Abschwung“, das in diesem Zusammenhang üblicher ist, wird vermieden. Es überrascht, dass der prognostizierte Finanzierungssaldo trotz des viel niedriger angesetzten Wirtschaftswachstums noch ebenso hoch ist wie in der Herbstprognose.

Auch die Prognose einer weiter steigenden Beschäftigung und sinkender Arbeitslosigkeit passt nicht richtig zu der sehr kräftigen Senkung der Wachstumsprognose und zu den jüngsten Konjunkturdaten. Bei einem um 1,1 Prozentpunkte niedrigeren Wirtschaftswachstum als bisher gedacht sollen Beschäftigung und Arbeitslosigkeit in diesem Jahr genau auf dem zuvor avisierten Pfad bleiben. In der Konjunkturforschung geht man üblicherweise von einem Zusammenhang von Produktionsmenge und Beschäftigung aus.

Industrieaufträge brechen ein

Ausgerechnet am Tag der Vorstellung des Gemeinschaftsgutachtens meldet das Wirtschaftsministerium einen Einbruch des Auftragseingangs in der Industrie um 4,2 Prozent. Dass das kein Ausrutscher war, wissen wir schon.

Denn die Unternehmensumfrage des am Gemeinschaftsgutachten beteiligten Ifo-Instituts und die Einkaufmanagerumfrage von IHS-Markit für März haben ein weiteres Abrutschen von Lage und Geschäftsaussichten der Industrie tief in den Rezessionsbereich angezeigt.

Da wirkt es etwas aus der Zeit gefallen, dass die Institute den Konjunktureinbruch vor allem auf „Produktionshemmnisse in der Industrie im zweiten Halbjahr 2018“ zurückführen. Gemeint sind die Schwierigkeiten der Autohersteller mit der Umstellung auf neue Abgastests in Europa und das Niedrigwasser des Rheins. Mit solchen vorübergehenden Sondereffekten konnte man im letzten Jahr noch mit nachvollziehbaren Gründen Konjunkturoptimismus trotz schlechter Daten verbreiten.

Inzwischen ist allerdings klar, dass die Produktionsausfälle nicht wie erwartet nach Wegfall der Probleme durch Mehrproduktion ausgeglichen wurden, sondern dass es an Nachfrage mangelt. „National belasten der Fachkräftemangel, Lieferengpässe sowie Schwierigkeiten in der Autoindustrie die Konjunktur“ schlussfolgern stattdessen die Institute. Die sich häufenden Berichte über umfangreiche Personalabbaupläne großer Unternehmen zeichnen ein anderes Bild.

Sollte sich der Zweckoptimismus der Institute als unbegründet herausstellen, ist bereits klar, woran es gelegen haben wird. Am Brexit und den sonstigen geopolitischen Risiken, insbesondre an den von der US-Regierung angezettelten Handelskriegen. „Kommt es zu einem No-Deal-Brexit, dürfte das Wirtschaftswachstum in diesem und im kommenden Jahr deutlich niedriger ausfallen als in dieser Prognose ausgewiesen“, schreiben die Institute.