Rüstung

Startschuss für den Eurofighter-Nachfolger

Deutschland, Frankreich und Spanien unterzeichnen das Rahmenabkommen für das größte Rüstungsprojekt Europas. Am Ende könnte FCAS bis zu 50 Milliarden kosten.

Der Kampfjet soll durch ein neues Luftwaffensystem abgelöst werden.

Quelle: Reuters

Paris, Berlin Mit einem Kommando- und Transportjet von Airbus lässt sich Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron am Montagmorgen nach Le Bourget fliegen, um die Paris Air Show zu eröffnen. Mit dem Auto wäre Macron schneller, aber der Flieger passt als Symbol für die Zusammenarbeit Deutschlands, Frankreichs und Spaniens. Die soll im Militärischen noch enger werden: durch den gemeinsamen Bau eines Luftkampfsystems der Zukunft (FCAS).

Die Verteidigungsministerinnen der drei Länder werden in Anwesenheit des Präsidenten ihre Unterschrift unter das Rahmenabkommen für Europas größtes Rüstungsprojekt und unter den Vertrag für eine Machbarkeitsstudie setzen, die technische Lösungen und Kosten des Systems identifiziert. Bis zu 50 Milliarden Euro könnten bis 2040 in FCAS fließen.

Anders als beim „Eurofighter“ geht es nicht nur um einen Jet, sondern auch um Schwärme unbemannter Begleitflieger (Remote Carrier), Überwachungs- und Kommandoflugzeuge, Satelliten und Bodenstationen. Das alles muss in Echtzeit und geschützt vor Eindringlingen als Verbund funktionieren.

„Wir haben die Chance, größte Innovationen zu verwirklichen, die auch in die zivilen Märkte fließen“, wirbt Dirk Hoke, Chef von Airbus Defence and Space, für das Projekt. Bei Künstlicher Intelligenz, Big Data und Cybersicherheit könne Europa große Fortschritte machen, die ihm auch im kommerziellen Wettbewerb Vorteile brächten. Für die Konzeptstudie stellen Frankreich und Deutschland je 32,5 Millionen Euro bereit. Frankreich hat schon zehn Millionen Euro vorgeschossen, damit die Industrie loslegen konnte.

Bis Ende 2020 soll sie genau definieren, was entwickelt werden muss und wie man bis 2027 zu Technologiekonzepten für das Flugzeug, Motoren und das alle Elemente steuernde „System of Systems“ kommen will. Manager Hoke versichert: „Wir haben aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt.“

Die gab es beispielsweise beim Militärtransporter A400M: Jeder Abnehmer hatte seine eigenen Spezifikationen, die Projektführung war unklar, und weil nationale Champions gepäppelt werden mussten, gab es Kostensteigerungen und schwere technische Mängel. Trotz Hokes Beteuerung stellt der Mittelrückfluss auch jetzt wieder ein Problem dar.

Jeder Euro, den Frankreich und Deutschland aufwenden, soll als Auftrag an die eigenen Firmen zurückfließen. Am Wochenende verhandelten Deutsche und Franzosen noch intensiv darüber, wie das zu gewährleisten sei. Weil Frankreich die Führung beim Kampfflugzeug hat, soll die dortige Rüstungsagentur DGA die einzelnen Verträge mit der Industrie abschließen. Da klemmt es noch.

Die französische Dassault, Hersteller des „Rafale“-Kampfjets, soll das Projekt pilotieren. Die Franzosen können ein komplettes Flugzeug bauen, während Airbus beim Eurofighter arbeitsteilig agiert und auf British Aerospace angewiesen ist, die bei FCAS nicht dabei sind. Airbus wird aber dieselben Mittel erhalten wie Dassault, das ist im Vertrag festgehalten.

Ähnliches gilt bei den Motoren, die von der französischen Safran und der deutschen MTU entwickelt werden sollen: Safran stellt das komplette Triebwerk der Rafale her, MTU nur einen Teil des Eurofighter-Motors. Dennoch gibt sich ein französischer Luftwaffengeneral bescheiden: „Frankreich hat keine größeren Kompetenzen, sie sind nur anders.“

Die Auseinandersetzung darum, wer was macht, beschäftigt die deutschen Abgeordneten. Sie verlangten von Airbus den Nachweis, dass der deutsche Anteil an Beschäftigten und technologischem Know-how bei dem Projekt auch wirklich genauso groß sein wird wie der französische. Airbus stellte den Abgeordneten die gewünschten Informationen in der Geheimschutzstelle des Bundestags zum Lesen zur Verfügung.

Am Freitag gab der Ausschuss sein Okay. „Airbus hat geliefert, und damit ist der Weg für FCAS jetzt frei“, sagte Haushälter Reinhard Brandl (CSU) dem Handelsblatt. SPD-Haushälter Dennis Rohde begründete das Insistieren: „Das FCAS ist ja ein sehr teures und lang laufendes Projekt. Es muss klar sein, dass dabei immer wieder das Parlament beteiligt wird.“

Parallele Rüstungsprojekte

Angela Merkel und Macron hatten 2017 verabredet, neben dem FCAS auch einen neuen Kampfpanzer gemeinsam für Europa zu entwickeln. Die Verteidigungsministerinnen Ursula von der Leyen und Florence Parly legten fest: Beide Projekte sollen parallel vorangetrieben werden – beim Flieger soll Frankreichs Industrie führen und beim Panzer die deutsche.

Die Panzerschmiede KNDS, ein Verbund aus der deutschen Krauss-Maffei Wegmann und der französischen Nexter, soll sich mit Rheinmetall zusammenschließen. Doch können Rheinmetall und Krauss-Maffei Wegmann sich nicht über die Bedingungen einigen. Außerdem will Frankreich verhindern, dass aus einer Fusion unter Gleichen de facto die Übernahme von Nexter durch Rheinmetall wird.

Um FCAS nicht zu verzögern, wurden die Projekte entkoppelt. Die haushalts- und die verteidigungspolitischen Sprecher von Union und SPD drohen aber in einem Brief an von der Leyen, den das Handelsblatt und andere Medien einsehen konnten: Weitere Schritte beim FCAS würden blockiert, wenn bis zum 30. September nicht feststehe, welches der beiden deutschen Unternehmen beim Panzer die Führung übernimmt.

Behutsam versucht die Industrie, den Rückfall in alte Fehler zu verhindern: Wer ein Projekt mit zu viel Bedingungen überfrachtet, verzögert und verteuert es. „Wir können nicht alles mit allem verbinden, dann kommen wir nicht vom Fleck“, gibt Eric Trappier zu bedenken, Chef von Dassault. Trappier hat gelernt, mit wenig Geld auszukommen: Die Rafale musste Frankreich allein finanzieren.

Aus knappen Mitteln viel zu machen, das ist eine Kompetenz, die der Dreierbund Deutschland, Frankreich, Spanien bitter nötig hat. Bislang will kein anderer EU-Staat beitreten. Das ehrgeizige Projekt kann zwar Europas Industrie stark voranbringen, aber es wird die nationalen Budgets bis an den Rand belasten.