Demografie-Studie

Alternde Bevölkerung lässt Staatsschulden und Sozialbeiträge explodieren

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Vor dem Start der Rentenkommission zeigt eine Demografie-Studie: Ohne Reformen könnte Deutschland einst mehr Schulden haben als Griechenland heute.

Deutschland wird immer älter und der Sozialstaat damit immer teurer.

Quelle: picture alliance/dpa

BerlinDie Experten haben sich einen passenden Tagungsort ausgesucht. Die zehn Mitglieder der Rentenkommission werden sich am Mittwoch in der Berliner Repräsentanz der Evangelischen Kirche Deutschlands zu ihrer konstituierenden Sitzung treffen. Wie sehr die Experten göttlichen Beistand für ihren Auftrag gebrauchen können, eine Rentenreform zu entwickeln, zeigt eine neue Studie der Bertelsmann Stiftung. Der Ökonom Martin Werding hat darin untersucht, wie Rentensystem und Sozialstaat im Lichte der demografischen Entwicklung aufgestellt sind – und kommt zu dramatischen Ergebnissen.

„Die öffentlichen Finanzen in Deutschland sind aufgrund des ausgeprägten demografischen Wandels unter dem geltenden Recht langfristig nicht tragfähig“, heißt es in der Studie, die dem Handelsblatt vorliegt. Staatsverschuldung und Sozialbeiträge werden demnach in den kommenden Jahrzehnten „regelrecht explodieren“.

So würden die Sozialbeiträge ohne politische Reformen bis 2040 von heute 40 auf fast 50 Prozent steigen, das Staatsdefizit auf sechs Prozent im Jahr klettern. Bis 2060 würde der Schuldenstand sogar auf 208 Prozent anwachsen – Deutschland wäre damit höher verschuldet als Griechenland heute.

Angesichts dieser Horrorzahlen warnt Werding davor, die Rentenreformen aus dem vorigen Jahrzehnt rückgängig zu machen. Damit die Rente auch langfristig finanzierbar bleibe, müsse das Rentenalter weiter erhöht und stärker auf private Vorsorge gesetzt werden. Gleichzeitig müssten aber auch soziale Härtefälle besser abgemildert werden, etwa im Falle von Berufsunfähigkeit.

Die Studie konfrontiert die Große Koalition mit einer Wahrheit, vor der sie seit Jahren die Augen verschließt. Deutschland wird immer älter, der Sozialstaat damit immer teurer. Doch die Bundesregierung plant immer neue kostspielige Maßnahmen wie die Ausweitung der Mütterrente oder eine Stabilisierung der Rente auf heutigem Niveau.

Was das kosten wird, hat das Arbeitsministerium aber nur bis zum Jahr 2030 durchgerechnet. Bis dahin scheinen Reformen finanzierbar. Doch ab 2030 wird die Demografie das Sozialsystem auf eine historische Belastungsprobe stellen. Wenn dann noch teure Rentenreformen die Sozialkassen belasten, wird die Schieflage des Systems schnell sichtbar.

Natürlich sind Prognosen über so lange Zeiträume schwierig. Doch bis 2040 lassen sich relativ gute Vorhersagen treffen, da die Altersstruktur der erwerbsfähigen Bevölkerung bis dahin weitgehend feststeht. Und Werding, der Autor der Bertelsmann-Studie, hat Erfahrung mit solchen Berechnungen, verfasst ähnliche Berichte auch für das Bundesfinanzministerium.

Die Bundesrepublik muss ab 2030 eine schwierige Phase überstehen

Für seine neuen Berechnungen hat der Ökonom Annahmen getroffen, die zudem nicht realitätsfern erscheinen: Die Wirtschaft wird in den nächsten Jahrzehnten um mehr als ein Prozent wachsen, die Nettozuwanderung im Jahr bei 150.000 liegen und die Geburtenrate 1,4 Kinder pro Frau betragen. Unabhängig davon steht schon jetzt fest: Zwischen 2020 und 2035 wird Deutschland stark altern. Während 2020 auf drei Erwerbsfähige nur ein über 65-Jähriger kommt, wird das Verhältnis 2035 ausgeglichen sein.

Deshalb muss der Staat viel mehr für Rente, Pflege und Gesundheit ausgeben. Schon ab 2020 rutscht der Staatshaushalt Werdings Berechnungen zufolge ins Minus, verletzt ab 2032 die europäische Defizitregel von drei Prozent, bis Ende der 2040er-Jahre wächst das Defizit sogar auf neun Prozent an. Damit steigt auch die Staatsverschuldung: von heute rund 60 auf 80 Prozent in 2040.

Im Jahr 2080 hätte der Schuldenstand sogar ein Niveau von 467 Prozent erreicht – auch wenn diese Zahl spekulativ ist, zeigt sie, welche Langfristfolgen die Demografie hat.

Ähnlich dramatisch steigen die Sozialbeiträge: Sie klettern von heute rund 40 auf 48,8 Prozent im Jahr 2040 und bis 2060 sogar auf 55 Prozent. Damit bliebe Arbeitnehmern in Zukunft von ihrem Lohn deutlich weniger in der Tasche.

Besonders bitter: Laut Studie lässt sich die Entwicklung bis 2040 kaum umkehren. „Überraschend ist, dass die Entwicklung der Ausgaben und Beitragssätze in verschiedenen Demografie-Szenarien bis etwa 2040 nahezu identisch ist“, sagt Werding. Auch wenn die gute Arbeitsmarktlage, eine höhere Geburtenrate und Zuwanderung die Demografie-Risiken zuletzt etwas gedämpft haben, bleibt das Grundproblem bestehen: Bis 2035 werden die geburtenstarken Jahrgänge der „Babyboomer“ aus dem Arbeitsleben ausscheiden.

Noch stärker als ohnehin würden insbesondere die Rentenbeiträge dann ansteigen, wenn die Regierung das Rentenniveau auf dem heutigen Niveau stabilisieren würde. Der Rentensatz würde von 18,6 bis 2062 auf über 30 Prozent klettern. Wenn neben dem Rentenniveau auch der Beitragssatz fixiert würde, müsste der Staat zu den heute schon rund 100 Milliarden Euro bereits im Jahr 2030 zusätzliche 21,6 Milliarden ins Rentensystem schießen, 2040 wären es rund 75 Milliarden Euro.

Das Arbeitgeberlager fordert vor diesem Hintergrund, wenigstens von teuren Rentenreformen abzusehen. „Die Koalition sollte die neuen Zahlen ernst nehmen und milliardenschwere Mehrausgaben sein lassen“, sagt Steffen Kampeter, Hauptgeschäftsführer beim Bundesverband der deutschen Arbeitgeber (BDA). „Es werden Wahlgeschenke verteilt, statt das Rentensystem enkelfit zu machen. Diese Kurzsichtigkeit ist gerade gegenüber jüngeren Generationen absolut unverantwortlich“, sagt auch FDP-Fraktionsgeschäftsführer Marco Buschmann.

Auch wenn die Bundesrepublik ab 2030 eine schwierige Phase überstehen muss, ganz hilflos ausgeliefert ist die Politik den Entwicklungen nicht. So lassen sich langfristig durch eine höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen und älteren Arbeitnehmern, durch eine höhere Zuwanderung und eine höhere Geburtenrate die Effekte abmildern.

Dafür müsse der Staat bereit sein, mehr Geld für Bildung und Familien auszugeben. Denn nur durch Kürzungen die Kosten der demografischen Entwicklung abzudämpfen hieße wohl, so die Studie, „die Sicherungsfunktion der Systeme auf Dauer weitgehend preiszugeben“.