Bildungspolitik

Bund will Digitalisierung der Hochschulen erst ab 2020 fördern

von Barbara Gillmann

Deutsche Hochschulen fremdeln noch mit der Digitalisierung. Der Bund will das mit stärkerer Förderung ändern, hat aber dabei offenbar keine Eile. Das kritisiert die Opposition.

Digitalisierung bedeutet einer neuen Studie zufolge viel mehr, als nur die Ausstattung zu verbessern.

Quelle: dpa

BerlinDeutschland hinkt bei der Digitalisierung nicht nur in den Schulen sondern auch in den Hochschulen weit hinterher. Der Koalitionsvertrag verspricht Abhilfe: „Wir wollen dafür sorgen, dass auch an Hochschulen mehr Online-Lernangebote und digitale Inhalte entstehen“, heißt es dort. Und: „Alle Studierenden brauchen künftig digitale Kompetenzen.“

Doch besonders eilig hat es der Bund dabei offenbar nicht: Bildungsministerin Anja Karliczek (CDU) will erst ab übernächstem Jahr mit konkreten Projekte dafür sorgen, dass sich etwas ändert. Das zeigt die Antwort ihres Hauses auf eine kleine Anfrage der Grünen, die dem Handelsblatt vorliegt.

Pläne gibt es durchaus: So soll der nächste Hochschulpakt mit den Ländern die Digitalisierung stärker fördern – ab 2020. Auch in der „Qualitätsoffensive Lehrerbildung“ soll es einen neuen Schwerpunkt Digitalisierung geben – ebenfalls ab 2020. Für die Erforschung der Digitalen Hochschulbildung will das Bildungsministerium „weitere Förderbekanntmachungen“, heißt es vage und ohne Zeithorizont in der Antwort auf die Grünen-Anfrage.

Der Oppositionspartei ist das viel zu zögerlich: Trotz des dringenden Handlungsbedarfes bei der Ausbildung der Studierenden „hat die Koalition gar nicht vor, entschlossen zu handeln“, sagte die innovationspolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion, Anna Christmann, dem Handelsblatt. „Wir sind heute schon hinten dran und die Bundesregierung verweist auf Programme ab 2020“.

Das sei angesichts der großen Herausforderung und der Tatsache, dass die Digitalisierung am Arbeitsmarkt schon weit fortgeschritten ist viel zu spät. Zudem brauche es zusätzliche Gelder: Es könne nicht angehen, „dass der Hochschulpakt mit immer neuen Aufgaben gefüllt wird, ohne dass dafür ein Mittelaufwuchs in Sicht wäre“, so Christmann.

Die Grünen werfen der Regierung nicht nur die aktuelle Zögerlichkeit sondern auch massive Versäumnisse in der Vergangenheit vor: So läuft etwa der Qualitätspakt Lehre bereits seit 2011 und wurde auch neu aufgelegt. Bisher gebe es dort aber keinen einzigen Förderschwerpunkt zur Digitalisierung. Auch von der „Qualitätsoffensive Lehrerbildung“ geförderte Projekte hätten mit Themen wie digitalen Kompetenzen, Lernplattformen und Lernangeboten nichts zu tun.

Entschlossene zeitnahe Förderung ist vor allem auch deshalb nötig, weil Digitalisierung der Hochschulen viel mehr ist als die Ausstattung mit der nötigen Technik, heißt es in einer neuen Studie zufolge. Herausgegeben wurde sie vom Stifterverband der Wirtschaft für die Wissenschaft und vom CHE Centrum für Hochschulentwicklung.

Es gehe vielmehr darum, dass sich Universitäten und Fachhochschulen zunächst einmal eine Strategie zulegen müssten, wie sie die vielfältigen Fragen der Digitalisierung in Forschung und Lehre angehen. Laut früheren Untersuchungen sei das für viele Hochschulrektoren Neuland, das sie unterschätzten.

Das reiche vom Einsatz digitaler Instrumente bis zur Auseinandersetzung zur Bedeutung, Nutzen und Risiken von Big Data. So gibt es heute schon vielfältige Anwendungen auch auf Feldern wie Medizin oder Jura – etwa die Fernüberwachung von Patienten zu Hause oder Gerichtsurteile mit Hilfe von künstlicher Intelligenz.

Solche Einsatzmöglichkeiten und ihre oft auch ethischen Implikationen würden aber in der Lehre bisher kaum thematisiert. Generell stehe ‚data literacy‘, also die Fähigkeit Daten intelligent zu sammeln, zu bewerten, zu managen und anzuwenden, noch ganz am Anfang in der akademischen Welt. „Wir haben das verschlafen“, sagt der Mediziner Sebastian Kuhn vom Hochschulforum Digitalisierung.

Um voran zu kommen brauche es nicht nur eine Entscheidung der Hochschulleitung über die Marschrichtung in den diversen Disziplinen und die entsprechenden Strukturentscheidungen – also etwa ob man die Fragen der Digitalisierung nur dezentral in den Fakultäten oder in einer zentralen Einrichtung angeht, die als Servicecenter für die ganze Uni agiert. Sondern man müsse bei dem Weg in die digitale Zukunft – ganz banal – auch die Lehrenden, also vor allem die Professoren „informieren und motivieren“, heißt es in den Handlungsempfehlungen.