Kommentar

Das kapitalistische System muss mit Nachdruck reformiert werden

Die reichsten Männer der USA fordern bessere Bedingungen für Normalverdiener. Die Politik sollte genau hinhören. Einfacher als jetzt wird es nicht mehr werden.

Der Unterschied zwischen den Wohlhabenden und dem Rest des Landes klafft so stark auseinander wie noch nie.

Quelle: E+/Getty Images

In der vergangenen Woche machten gleich drei Milliardäre mit ungewöhnlichen Forderungen Schlagzeilen: „Unternehmen müssen alles tun, was in ihrer Macht steht, um den Trend zu stagnierenden und ungleichen Löhnen zu beenden“, schrieb Howard Marks, Gründer der Private-Equity-Firma Oaktree, in seinem Brief an die Investoren.

Jamie Dimon, Chef von Amerikas größter Bank JP Morgan Chase, forderte „dramatische Reformen unserer globalen und nationalen Institutionen“ und stellte klar: „Die Leute verlangen Veränderung, und wir müssen erkennen, dass sich etwas ändern muss.“

Ray Dalio, Gründer des weltgrößten Hedgefonds Bridgewater, befürchtet, dass die wachsende Ungleichheit in den USA „zu großen Konflikten und einer Form von Revolution“ führen könnte, wenn der Kapitalismus nicht reformiert wird.

Verkehrte Welt. Die reichsten Männer Amerikas fordern bessere Lebensbedingungen für all diejenigen, die nicht so viel haben wie sie. Und sie wären sogar bereit, höhere Steuern zu zahlen, um das möglich zu machen.

Damit liegen sie überraschend nah bei dem linken Senator und Präsidentschaftskandidaten Bernie Sanders und der Abgeordneten Alexandria Ocasio-Cortez, die sich selbst als Vertreterin der Arbeiterschicht und „demokratische Sozialistin“ beschreibt.

Beide Politiker sind mit drastischen Forderungen, wie Normal- und Geringverdienern zu helfen wäre, erfolgreich geworden. Mit ihrem Ansinnen, einen Steuersatz von 70 Prozent für Einkommen ab zehn Millionen Dollar zu erheben, dominierte Ocasio-Cortez die Debatte auf dem Weltwirtschaftsgipfel in Davos.

Dabei hat es Zeiten gegeben, da wäre so eine Forderung schlicht als lächerlich, unrealistisch und völlig übertrieben abgetan worden – gerade in den USA, wo Steuern und damit ein starker Staat bei einem großen Teil der Bevölkerung verpönt sind.

Dass Marks, Dimon und Dalio auf diesen politischen Zug aufspringen, ist sicher nicht altruistisch. Sie sind auch nicht die Ersten, die dieses Thema zur Sprache bringen. Hinter dem Ruf nach weniger Ungleichheit und besseren Lebensstandards für die Masse steckt ein geschäftliches Kalkül.

Lieber geben die Superreichen jetzt etwas mehr ab, in der Hoffnung, die sozialen Spannungen schnell mildern zu können, bevor es zu sozialen Unruhen oder gar – wie von Dalio befürchtet – einer Revolution kommt. Die würden ihnen schließlich deutlich mehr schaden.

Dennoch treffen die drei Milliardäre einen wichtigen Punkt: Es ist besser, die Probleme, die die derzeitige Form des Kapitalismus verursacht hat, anzugehen, als ein komplett neues System aufzubauen. Sozialismus ist in den USA zwar gerade wieder ein bisschen chic geworden.

Doch radikale soziale Veränderungen herbeizuführen ist nie einfach und führt nur selten zu mehr Wohlstand für weite Teile der Bevölkerung. Ökonomische Systeme sind komplex und verändern sich über die Jahre. Jetzt ist es an der Zeit, das bestehende kapitalistische System mit Nachdruck zu reformieren.

Das ist kein einfaches Vorhaben, denn zum einen gibt es eine ganze Reihe von Großbaustellen. Trotz Wirtschaftsboom, Steuersenkungen und Rekordarbeitslosigkeit kommt bei großen Teilen der Bevölkerung nur wenig von der guten Stimmung an. Der Unterschied zwischen den Wohlhabenden und dem Rest des Landes klafft so stark auseinander wie noch nie.

Das oberste Prozent der Topverdiener steht für 20 Prozent aller Einkommen in den USA. Betrachtet man nicht nur das Einkommen, sondern auch andere Vermögenswerte wie Immobilien, Aktien und Kunst, entfallen auf das oberste Prozent der wohlhabendsten Amerikaner mehr als 40 Prozent der Vermögen. Und während viele Superreiche ihr Vermögen unter anderem dank der steigenden Aktienpreise deutlich mehren konnten, steigen die Löhne für Normalverdiener nur sehr langsam.

Gleichzeitig schnellen die Ausgaben für medizinische Versorgung, Bildung und Miete in die Höhe. Das geht an die Substanz. 40 Prozent der Amerikaner haben nicht genug Ersparnisse, um unvorhergesehene Ausgaben von 400 Dollar oder mehr zu decken. 78 Prozent leben von einem Gehaltscheck zum nächsten, ohne Reserven aufzubauen.

Der Shutdown, bei dem Regierungsmitarbeiter einen Monat lang kein Gehalt bekamen, hat eine Reihe von ihnen in Existenznöte gebracht, weil die Einnahmen für Fixkosten wie Miete, Auto- und Studentenkredite fehlten. „Viele Haushalte haben nicht genügend gespart, um sich einen soliden Lebensstil im Alter zu leisten“, resümiert die regionale Notenbank aus St. Louis in einer aktuellen Studie.

Zum anderen fehlt der politische Wille. Die Regierung von US-Präsident Donald Trump ruht sich zu sehr auf den guten Fundamentaldaten aus und interessiert sich lediglich rhetorisch für die Belange der mittleren und unteren Bevölkerungsgruppen.

Dabei wäre gerade jetzt die richtige Zeit gegenzusteuern. Noch geht es der Wirtschaft gut, und die Reichen sind eher bereit, etwas abzugeben. Einfacher als jetzt wird es nicht mehr werden.